Schriften zum virtuellen Museum

Willi Zerres

Die Wasserhebemaschinenanlage
von Pleiserhohn aus dem Jahr 1898


Bei einer Wasserhebemaschine - auch Stoßheber oder „hydraulischer Widder“ genannt - handelt es sich um eine Pumpe, mit deren Hilfe ein Teil des ihr etwa durch einen Bachlauf zufließenden Wassers auf ein höheres als das Betriebsniveau gefördert werden kann.

Dieses Pumpwerk funktioniert als sog. Stoßheber, der einen Teil der Wassermenge mit geringer Druckhöhe auf die fünf- bis zehnfache Höhe selbsttätig hebt. Dabei werden 6 bis 7 Liter Wasser benötigt, um 1 Liter Wasser auf eine Anhöhe zu pumpen.

Der Franzose Joseph Michel Montgolfier (1740 - 1810), Papierfabrikant in Annonay, erfand dieses Pumpwerk im Jahre 1796. Er wurde unter anderem berühmt durch den Aufstieg des ersten mit heißer Luft gefüllten Ballons den er im Jahre 1783 zusammen mit seinem Bruder, Jacques Etiene Montgolfier, entwickelt hatte.

Die Funktion des "hydraulischen Widders" soll in der folgenden schematischen Darstellung erläutert werden:

wasser_abb-aAus der Zuflussleitung L, gespeist z. B. aus einem Bach, strömt Wasser durch das Stoßventil P aus und schließt es durch einen Stoß, der ein weithin hörbares klopfendes Geräusch verursacht. Dieser Stoß setzt sich in Druck um, der das Steigrohr S öffnet und das Wasser in den Windkanal (W) treibt. Von dort steigt das Wasser durch die Steigleitung L ununterbrochen in den Hochbehälter. Nach dem Ausgleich zwischen Verzögerungs- und Windkesseldruck nimmt das Wasser des nun höheren Drucks in W eine rückläufige Bewegung an, wodurch S durch ein Ventil geschlossen und P entlastet wird, so dass es sich durch sein Gewicht wieder öffnet und der Vorgang wieder von vorne beginnen kann. Weil das Klopfen des Ventils P weithin hörbar war, wurde eine solche Anlage früher im Volksmund als "Klopfmännchen" oder als "Klopphannes" bezeichnet.

Eine solche Wasserhebemaschine wurde im Jahre 1898 von den Bewohnern des Dorfes Pleiserhohn in Eigenleistung und bei eigener Finanzierung erbaut. Hierfür wurde eigens der „Wasserleitungsverein Pleiserhohn" gegründet, dem bei der Gründungsversammlung im November des Jahres 1898 insgesamt 20 Haushaltsvorstände als Mitglieder beitraten. Zweck dieses Vereins war, die damals rund 150 Einwohner zählende Dorfgemeinschaft mit dem notwendigen Trinkwasser zu versorgen. In der heutigen Zeit würde man eine solche Maßnahme sicher als Bürgerinitiative bezeichnen.

wasser_abb-bDas Protokollbuch des Wasserleitungsvereins von 1898 ist noch vorhanden. Über die Gründungsversammlung, die Aktivitäten der Mitglieder und über die Höhe der Kosten wird in einer umfangreichen Niederschrift berichtet, die nachfolgend wortgetreu unter Übernahme der Schreibweise zitiert wird.

„Verzeichnis der Wasserleitung von Pleiserhohn
Im Nofember des Jahres 1898 wurde im Dorf Pleiserhohn eine Wasserleitung errichtet von den bewohner des Dorfs Pleiserhohn

1)Heinrich Losem 2)Anton Dick 3)Theodor Schmitz 4)Bernard Gratzfeld 5)Engelbert Eschbach 6) Wilhelm Weber III 7)Witwe Johann Schäfer 8)Johann Wissmann 9)Peter Schneider 10)Josef Koch 11)Peter Quint 12)Josef Haacks 13)Wilhelm Mörs 14)Adolf Linden 15)Anton Weber 16)Johann Zerres 17)Geschwister Kumpel 16)Jakob Kirschbaum 19)Anton Klein 20)Peter Post

Zum Vorstand wurde gewählt Heinrich Losem Anton Dick und Theodor Schmitz. Dieselben wurden beauftragt die Wasserleitung mit Zuziehung des Karl Zollper in Hennef an der Sieg zu errichten.

Karl Zolper muste die Röhre der leitung legen und bezahlen den Witter anschaffen und aufstellen die Kranen beschaffen und alle erforderliche Sachen der Röhrleitung herstellen wofür dem Zolper 2000 Marck bezahlt worden ist. Die Herstellung der Wasserbehälter und das Gräben machen hat die Gesellschaft besorgt welches 280 Arbeitstage beansprucht hatt Jeder Betheiligte hat 14 Arbeitstage müssen arbeiten,und wer nicht gearbeitet hat, hat für 14 Tage arbeitslohn pro Tag 2 M 50 Pfg bezahlen müssen, das Fahren des ganzen Matergals der leitungmit ausnahme zweier Kehren Ziegelsteine ist von den Gesellschaftern die Fuhrwerk hatten Frei geschehen. Von dem Engelbert Eschbach wurde auf dem Erf 2 1/2 Ruthen Ackerland das Bassäng gekauft für den vereinbarten Kaufpreis von fünfzehn Marck welge gar gezahlt worden sind, hat Anton Dick in der Kalkwiese den Raum von seiner Parzelle wo das Witterhaus steht frei vür die Wasserleitungsgesellschaft hergegeben, und alle übrigen Gesellschafter haben den Raum der Graeben frei hergegeben. Es sind ferarbeitet worden 4200 Ziegelsteine 7 Säcke Kalk und 20 Säcke Zement. Die Kosten der auslagen betragen 300 Mark und 79 Pfg Hierzu wurde vom Vorstande beschlossen ein Reseffonks von 59 M 61 Pfg wovon der Akt beim Notar so wie Beschaffung von Bürgen bezahlt werden soll, den Kapitall zugeschrieben Der gesammte zahlende betrag für jedes Mitglied beträgt 118 Mark welge in Zehn Jahren bezahlt werden müssen. Die 2000 Mark die Karl Zolper bekommen hat, hat Heinrich Losem an der Sparkasse in Oberpleis geliehen auf zehnjährige zurückgebe mit 4 1/2 Prozent vom 15. November an 1898 Die erste ordentliche Generalfersammlung wurde abgehalten am 8. März 1899 und von der Gesellschaft beschlossen, das Peter Krohm von hier bei Witwe Johann Schäfer Wasser holen dürfe, für die Zahlung von 1 Mark an den Vorsteher in die Kasse auf Vierteljährige Frist. Witwe Moll sol den Winter das Wasser beim Eschbach fon der Gesellschaft frei erhalten.


Notar Lüzler aus Hennef fertigte den Ackt der Wasserleitungs Gesellschaft aus, 40 Pfg für Bücher und Papier Drei Mark 54 Pfg besonderen ausgaben zwei Mark 20 Pfg zusammen 39 Mark und 14 Pfg
Feblieb noch ein Resefefonds von 20 Mark 74 welche nach 10 Jahren von der eingezahlten ... ? einzuzahlen sein müssen, fon den einzuzahlenden Beiträgen sind alle Kosten betritten worden.
Heinrich Losem Anton Dick Theodor Schmitz“



Sogar über die Höhe der durch den Bau der Wasserhebeanlage entstandenen Kosten erhalten wir durch eine Eintragung im Protokollbuch genaue Kenntnis:

„Die ganze Summe der Wasserleitung bedrägt Zweitausenddreihundert und sechzig Mark mit einschluß das des zugeschriebenen Reserfefonds von 39 Mark 21 Pfg zusammen in Summa 2360 Mark.“

Da nicht jedes Mitglied des Wasserleitungsvereins seinen Kostenanteil in Bar und sofort entrichten konnte, musste das Geld geliehen werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass nicht jedes einzelne Mitglied das notwendige Geld bei der Bank aufgenommen hat, sondern dass dies durch den Vorsteher des Vereins auf seinen Namen für alle erfolgte. Die einzelnen Mitglieder zahlten ihren Anteil nebst Zinsen in Raten an den Vorsteher zurück.

Die Wasserhebeanlage wurde gebaut in einem so genannten Siefen, der von einem kleinen Bach durchflossen wird und seinerzeit die Flurbezeichnung "Die Kalkwiese" trug. Diese Flur heißt nach der Flurbereinigung in den Jahren 1953-1955 "Der Pützbungert". Diese Flurbezeichnung ist aber auch sehr alt und weist auf eine frühere Wasserstelle hin. Tatsächlich befand sich in der Nähe der Quelle des erwähnten Baches in früherer Zeit nachweislich ein Brunnen, aus dem die Bewohner ihr Brauchwasser entnahmen. Dieser "Dorfpütz" wird mehrfach in dem noch erhaltenen alten Nachbarschaftsbuch von Pleiserhohn und Thelenbitze aus dem Jahre 1765 erwähnt. Das Wasser wurde von dem hydraulischen Widder über eine Strecke von ca. 400 m in einen Hochbehälter gepumpt, der sich an der Pleiserhohner Straße in Höhe der Wohnhäuser Nr. 90 und 91 befand. Dabei musste ein Höhenunterschied von ca. 21 m überwunden werden. Das Wasser wurde auf einen Punkt gepumpt, der wesentlich höher als die Wohnhäuser des Dorfes. Es war somit möglich, in jedes Haus durch geschickte Verlegung der Wasserleitungsrohre fließendes Wasser zu leiten. Dies war zu jener Zeit ein riesiger Fortschritt im Verhältnis zu der bisherigen Wasserversorgung aus einem Brunnen.

Aus dem bereits erwähnten Protokollbuch ergibt sich aber auch, dass trotz dieser für die damalige Zeit modernen Wasserversorgung nicht alle Einwohner einen Anschluss wünschten. Der letzte Anschluss eines Wohnhauses an diese Wasserleitung erfolgte nachweislich erst im Jahre 1946, also fast 50 Jahre nach Errichtung der Anlage. Es ist nicht bekannt, ob die Scheu vor dem "Neuen" oder gar finanzielle Gründe für die Nichtinanspruchnahme der Wasserleitung eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls soll der Überlieferung nach selbst ein Vorstandsmitglied des Vereins Zweifel daran gehegt haben, dass das Wasser jetzt "bergauf" laufen könne.. Er ließ sich erst überzeugen, als sein Wohnhaus als eines der ersten an das neue Wassernetz angeschlossen wurde. Über die Lage der Wasserhebeanlage sowie den Verlauf der Wasserleitung gibt die nachfolgende Übersichtskarte Aufschluss.
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Im Jahre 1929 wurde eine zweite Wasserhebeanlage etwa 50 m unterhalb der ersten Anlage gebaut, um die Wasserversorgung des Ortes zu verbessern. In der Zwischenzeit hatte sich sowohl die Anzahl der Wohnhäuser als auch die Zahl der Einwohner erhöht. Dabei wurde der bereits zuvor erwähnte Wasserüberlauf des ersten hydraulischen Widders geschickt genutzt, um die zweite Anlage zu betreiben. Wie aus Bild 3 zu ersehen ist, wurde das nicht in die Leitung gepumpte Wasser in einem separaten Becken aufgefangen und durch einen Zufluss der zweiten Anlage zugeführt.

Im Jahre 1934 wurde zusätzlich neben dem ersten hydraulischen Widder in einem besonderen Raum eine elektrisch betriebene Motorpumpe installiert. Diese pumpte aber nur dann zusätzlich Wasser in die Versorgungsleitung, wenn etwa bei Trockenheit oder starker Wasserabnahme durch die Bewohner der Leitungsdruck zur Versorgung aller Wohnhäuser nicht mehr ausreichend war.

Diese Wasserhebeanlage von Pleiserhohn war bis zum Jahre 1971 in Betrieb und wurde mehr oder weniger zwangsweise abgelöst von der Wasserversorgung durch den Wasserbeschaffungsverband Thomasberg.

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In der oberen Hälfte des Bildes oberhalb des Zaunes ist das "Widderhäuschen" der Wasserhebeanlage aus dem Jahre 1898 zu sehen. Das Bild ist vom zweiten "Widderhäuschen" aus dem Jahre 1929 aus photographiert und zeigt den "Siefen", aus dessen Bach die Anlage betrieben wurde.

Der Eingang des Widderhäuschens der Anlage aus dem Jahre 1898

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Der Windkessel der ersten Wasserhebeanlage von 1898 mit dem Stoßventil, dem so genannten "Klopphannes". Darunter befindet sich das Wasserauffangbecken, aus dessen Überlauf später die im Jahre 1929 gebaute zweite Anlage gespeist und betrieben wurde. Das wurde möglich, weil von der ersten zur zweiten Anlage eine Höhendifferenz von ca. 5 m besteht.

Windkessel und "Klopphannes" der Anlage von 1898

Die im Jahre 1934 zusätzlich installierte Wasserpumpe, die elektrisch betrieben aber nur im Ausnahmefall eingesetzt wurde.

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Das „Widderhäuschen“ der Anlage von 1898 (rechte Tür)

„Widderhäuschen“ der im Jahre 1929 erbauten zweiten Wasserhebeanlage

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Der „hydraulische Widder“ der im Jahre 1929 erbauten Anlage, die aus dem Überlauf der ersten Anlage betrieben wurde.

Stoßventil oder „Klopphannes“ der zweiten Anlage

Stoßventil oder „Klopphannes“ der zweiten Anlage. Auf Druck auf die oben zu sehende Schraube öffnet sich das Ventil und gibt Wasser frei.

wasser_abb11Dieses Bild zeigt beide „Widderhäuschen“. In der Bildmitte links die Anlage aus dem Jahre 1929 und oben rechts unter den Büschen die Anlage aus dem Jahre 1898.